Sichtbarkeit ist keine Zustimmung – aber ein Vorsprung: Drei Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat der Potsdam Social Media Monitor über 2.700 politische TikTok-Accounts ausgewertet. Ergebnis: Auf das Konto des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund entfallen 64,5 Prozent aller Aufrufe politischer Accounts im Land, mit 28 Millionen Views bundesweit mehr als die Linken-Bundestagsfraktion, die AfD-Fraktion oder Alice Weidel. Fleiß hilft dabei nicht: CDU-Ministerpräsident Sven Schulze postet mit 152 Beiträgen am meisten und kommt auf rund 5.600 Aufrufe pro Stück – Siegmund auf rund 214.000. Die Forschenden mahnen zu Recht, dass Reichweite keine Stimmen misst. Nur: In einer früheren Studie dauerte es nach Account-Erstellung elf bis zwölf Minuten bis zum ersten AfD-Hashtag und 70 Minuten bis zum ersten SPD-Video. Das ist kein Zufall, das ist Produktdesign. Rika Baack für netzpolitik.org
Kein Prompt vor der Oberstufe: New York City zieht die Reißleine. Bürgermeister Zohran Mamdani und Schulkanzler Kamar Samuels haben ein einjähriges Moratorium für schülerzugewandte generative KI von der Vorschule bis zur achten Klasse verhängt – betroffen sind knapp 600.000 Kinder, zwei Drittel des größten Schulsystems der USA, Companion-Chatbots fliegen über alle Jahrgänge raus. Highschools bekommen stattdessen zweimal jährlich Module zum kritischen Denken über KI plus eng begrenzte Pilotklassen. Samuels will die „produktive Anstrengung" des Lernens schützen und nicht an eine Maschine auslagern; Mamdani sagt trocken, die Techbranche wolle KI in der frühen Bildung als unvermeidlich verkaufen – man sehe das anders. Ein Moratorium mit Evaluationspflicht ist keine Technikfeindlichkeit, sondern das, was hierzulande „Vorsorgeprinzip" heißt. die Zeit
Wer erinnert sich an Turbo Pascal? Passend dazu sammelt Golem Erinnerungen an den eigenen Informatikunterricht und ruft zur Mitmachaktion auf. Zwischen Zehnfingerschreiben, Word-Serienbrief und dem einen Lehrer, der wirklich programmieren konnte, liegt bekanntlich die gesamte Bandbreite deutscher informatischer Bildung. Wer über KI-Kompetenz an Schulen reden will, sollte erstmal beim Pflichtfach anfangen. golem
Der Mangel schrumpft, das Jammern bleibt: Laut Bitkom sind 2026 noch 79.000 IT-Stellen unbesetzt – 2023 waren es 149.000, 2025 immerhin noch 109.000. Trotzdem melden 78 Prozent der Unternehmen weiter Fachkräftemangel, 76 Prozent erwarten eine Verschärfung. Die Erklärung des Verbands ist die interessantere Nachricht: Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst nennt die schwache Konjunktur und den Umstand, dass IT-Projekte zunehmend nicht mehr in Deutschland, sondern in Auslandsniederlassungen etwa in Indien angegangen werden. Die Bundesagentur für Arbeit sieht ohnehin kaum noch Engpässe. Ein halbierter Fachkräftemangel, weil die Nachfrage wegbricht, ist keine gelöste Aufgabe – nur eine abgesagte. golem, ausführlicher bei heise
Aus der Umarmung wird ein Klammergriff: Nvidia kauft Hugging Face für 13 Milliarden Dollar – dieselbe Plattform, die im Vorjahr noch ein Nvidia-Investment abgelehnt hatte. 18 Millionen Nutzer:innen, drei Millionen Modelle, über 200.000 Firmen, und damit die zentrale Verteilstelle für „offene" KI-Modelle. Nvidia verspricht, die Plattform bleibe offen und man brauche keine Nvidia-Hardware – erwähnt aber selbst, schon heute größter Modell- und Datenanbieter dort zu sein. Offenheit als Geschäftsmodell des Hardware-Monopolisten: Wer die Chips verkauft, besitzt jetzt auch das Regal, in dem die Modelle liegen. Digitale Souveränität sieht anders aus. Daniel Herbig für heise
Europäischer KI-Champion, spanische Kasse: Annika von Mutius – Vorstand im KI-Bundesverband, Mitglied im KI-Beirat des Digitalministeriums – verkauft ihre 2021 gegründete Firma Empion an den spanischen Personio-Konkurrenten Factorial. Empion betreibt automatisiertes Headhunting und matcht Talente und Unternehmen per KI nach Unternehmenskultur, Persönlichkeit und Fähigkeiten, nach einer Übergangsphase wird es komplett integriert. Factorial-Chef Jordi Romero, rund 16.000 Kund:innen in Europa, sucht bereits weitere Übernahmekandidaten. Zwei Dinge bleiben hängen: Persönlichkeits-Scoring von Bewerber:innen bleibt datenschutzrechtlich heikles Terrain – und der „europäische KI-Champion" entsteht auch diesmal so, dass Deutschland verkauft und jemand anderes kauft. Nadine Schimroszik im Handelsblatt
Informationsfreiheit, bitte einmal durchfaxen: Österreich hat seit dem 1. September 2025 ein Informationsfreiheitsgesetz, und das Finanz- sowie das Justizministerium haben eine kreative Auslegung gefunden: Anfragen per E-Mail werden nicht beantwortet, begründet mit einer Sonderregelung im Allgemeinen Verwaltungsverfahrensgesetz. Zulässig ist nur das eigene Formular – womit die seit über einem Jahrzehnt betriebene Anfrageplattform FragDenStaat.at im Funktionsprinzip getroffen wird. Deren Antwort: Die Anfragen gehen jetzt wieder per Fax raus. Ein Grundrecht auf Information, das man ausdrucken und durch die Leitung piepen muss – so sieht Verwaltungsdigitalisierung aus, wenn Transparenz nicht das Ziel ist. golem, Hintergrund beim Standard |